"Geschwätzmodell" (Retro)Mops - Oder: Züchten heißt handeln!

 

IRRWEGE DER ZUCHT - Wie man eine Rasse zu Tode selektiert!

 

Vor wenigen Tagen bin ich über einen interessanten Artikel der Zoologin und ehemaligen 1. Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung Kynologischer Forschung – GKF e. V. in Bonn, die gleichzeitig Direktorin am Zoologischen Institut der Universität Bonn war, gestolpert. Dr. Helga Eichelberg beschäftigt sich darin mit der "tödlichen" Selektionswut in der Hundezucht. Frau Dr. Eichelberg ist übrigens auch heute noch Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für Zucht und Forschung des VdH.

 

Obwohl ihr Artikel schon älter ist, habe ich ihn tatsächlich erstmals gelesen, anderenfalls hätte ich ihre Stellungnahme bereits in meinem Blogbeitrag "Thema Gentests" erwähnt, der sich ebenfalls mit der Thematik der Rasse vernichtenden Selektion - allerdings bezogen auf die in der Hundezucht angebotenen Gentests - beschäftigt.

 

Frau Dr. Eichelberg übt in ihren "Gedanken zur Hundezucht" vernichtende Kritik an alt hergebrachtem Züchteraberglauben:

"....So darf es z.B. künftig nicht mehr möglich sein, dass irgendjemand meint, in einer Ras­se einen Defekt entdeckt zu haben und dann geradezu erpresserisch auf einer Selektion besteht. Zukünftig sollte sich kein Verein kopf­los und aktionistisch auf fragwürdige Züchtungsabenteuer einlassen. Man kann eine Rasse nämlich auch zu Tode selektieren!"

 

Ich kann dem nur zustimmen - KEIN Verein sollte sich "kopflos und aktionistisch" auf das Abenteuer Zucht einlassen dürfen. So etwas sollte tatsächlich zum Erhalt der Rassen und zwecks Bewahrung der genetischen Vielfalt verboten werden - geht allerdings nicht, wer sollte ein solches Verbot aussprechen oder überwachen? Was Viele bereits von einem Einzelzüchter fordern: nämlich geprüften Sachverstand, nachgewiesene Genetikkenntnisse und zertifiziertes Zuchtwissen, sollte in deutlich stärkerem Maße für einen Zuchtverein und dessen Verantwortliche gelten! Allein: der staatlich manifestierte Grundsatz der Vereinsfreiheit verbietet hier jegliche Einmischung, Kontrolle oder Überwachung. - Aber warum dieses harte Urteil?

 

Bislang sind etwa 500 (!) genetische Defekte entdeckt, unter denen unsere Hunde leiden könnten. Rund 200 von ihnen können mittlerweile mehr oder weniger zuverlässig durch Gentest ermittelt werden, wobei auch hier noch eine erhebliche Grauzone besteht, weil oft eine hinreichende Validierung fehlt. Man geht davon aus, dass jeder einzelne Hund die Disposition für mindestens 5 (!) genetische Erkrankungen in sich trägt. Bei einer Rasse wie dem Mops, die nachgewiesener Maßen ganz vorne auf dem Ranking der Rassen mit dem am meisten verarmten Genpool liegt, dürfte die Situation noch deutlich dramatischer aussehen! 

 

Glücklicherweise vererben sich die meisten genetischen Erkrankungen rezessiv. Was das bedeutet, können Sie in meinem Beitrag "Mops und Genetik" nachlesen. Ich gehe an dieser Stelle nur noch einmal auf das Ergebnis ein: Je größer ein Genpool ist, je größer sich also die genetische Varianz innerhalb einer Rasse darstellt, desto geringer die Gefahr, dass sich zwei rezessive Genpaare finden und damit zum Ausbruch einer genetischen Erkrankung führen.

 

Andererseits: Die Folgen des Verlustes der genetischen Varianz für die Gesamtpopulation sind neben der Zunahme der bekannten Erberkrankungen auch Erscheinungen wie verminderte Leistungsfähigkeit und Fruchtbarkeit, Fehlbildungen an Gliedmaßen und Organen, Stoffwechselstörungen sowie Krankheiten wie Epilepsie, Herzerkrankungen, Polyarthritis, Autoimmunerkrankungen, Allergien, neurologische Probleme und besonders Krebserkrankungen, die immer häufiger bei Rassehunden diagnostiziert werden. Und genetische Varianz geht insbesondere dann unrettbar verloren, wenn eine Rasse zu starkem Selektionsdruck unterliegt! 

 

Vor diesem Hintergrund üben Genetiker schon seit Jahrzehnten scharfe Kritik an einer zu ausufernden Selektionszucht. Die auf ihrem Gebiet wohl führende Populationsgenetikerin Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur führt dazu aus:

„Der Erhalt der genetischen Varianz ist eines der wichtigsten Ziele der modernen Hundezucht.… Fatalerweise führen oft gerade züchterische Entscheidungen, die im Interesse der Gesundheit der Nachkommen liegen, zu einer Verschärfung der Situation der genetischen Vielfalt... Es entspricht also nahezu der Quadratur des Kreises die Forderung nach Erhalt der genetischen Vielfalt mit den ebenfalls vielfältigen Selektionszuchtzielen unter einen Hut zu bringen...." 

 

Und weil es so schön markig formuliert ist und weil es eigentlich auch für jeden Zuchtlaien verständlich sein sollte, möchte ich auch Frau Dr. Eichelberg noch einmal zu Wort kommen lassen: 

"...Man kann auch noch etwas anderes Sinnlo­ses tun, nämlich Ansprüche an die Zucht stel­len, die nicht erfüllbar sind. Hierzu gehört z.B. der Wunsch, den „genetisch gesunden Hund“ züchten zu wollen. Das ist eine Illusi­on und es ist auch gar nicht notwendig, denn phänotypisch gesunde Hunde zu züchten, Hunde also, die nicht hinken, die sehen und hören können und sich des Lebens freuen, ist ein großes Ziel, und das ist anzustreben. Na­türlich hätten wir alle am liebsten genetisch gesunde Hunde. Aber Friede auf Erden hät­ten wir auch gern, nur überfordern wir mit solchen Zielen offensichtlich die realistischen Möglichkeiten. Ich halte es für völlig unsin­nig, sich Ziele zu stecken, von denen man schon während der Formulierung weiß, dass sie nicht zu erfüllen sind. Lassen Sie uns also keinen Hirngespinsten nacheifern, sondern solide bleiben und das heißt: phänotypisch gesunde Hunde züchten...."

  

  

Was braucht es also in der Zucht?

 

Nun, es braucht erwiesener Maßen nicht einige wenige, vermeintlich perfekte Hunde in der Zucht - den perfekten Hund gibt es  ohnehin nicht, denn wie sich ein Hund tatsächlich vererbt und was er verborgen in sich trägt, werden erst die kommenden Generationen zeigen. Aus populationsgenetischer Sicht bedeutet die sinnentleerte Suche nach dem nicht existenten "perfekten" Hund nämlich den genetischen Kollaps und damit das unvermeidliche Ende jeder Rasse! 

 

Man kann im Sinne des Überlebens der einzelnen Hunderassen nur von Glück reden, wenn derart abstruse Vorstellungen von Zucht nicht von tatsächlich relevanten Zuchtvereinen verfolgt werden. Die Idee der kompletten Ausmerzung von Krankheiten ist nichts weiter als kindlich ambitioniertes aber antiquiertes und wissenschaftsfernes Wunschdenken.

 

Wir brauchen tatsächlich genau das Gegenteil: Möglichst viele Rassevertreter sollten zum Zuchteinsatz kommen um die größtmögliche genetische Varianz einer Rasse erhalten zu können. Und im zweiten Schritt kommt es dann auf wohldurchdachte Paarungskombinationen mit möglichst unterschiedlichen, geeigneten Zuchtpartnern an um auch hier wieder die genetische Varianz in unterschiedlich gestalteten Kombinationen zu bewahren.

 

Es braucht also vielmehr die - möglichst - perfekte Verpaarung als den - vermeintlich - perfekten Hund!

 

Denn eine optimale Verpaarung wirkt auf einzelne züchterisch gewollte Merkmale verstärkend und kann andererseits Defizite ausgleichen oder sogar beheben. Nur so kann überhaupt eine Verbesserung innerhalb der Zucht erreicht werden. Wir brauchen also eine wohldurchdachte, auf Wissen und Erfahrung beruhende Zuchtstrategie, aber das heißt handeln! Woher sollten sie denn sonst kommen, die wirklich guten und phänotypisch gesunden Hunde?

 

Die von mir bereits erwähnte Wissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur bringt es in ihrem Fachbuch "Rassehundezucht - Genetik für Züchter und Halter" mit einer Suggestivfrage auf den Punkt:

 

"Nur die Besten wählen oder die Schlechtesten ausscheiden?"

 

 

Aufgrund der steten Aufklärung seitens der Populationsgenetiker kann man tatsächlich immerhin seit etwa Anfang der 60er Jahre mehr und mehr ein Umdenken bei den meisten Rassehundezuchtverbänden erkennen; Zuchtstrategien wurden und werden an wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst und auch zuchthistorische Erkenntnissen ließen keinen anderen Raum, denn die übereifrige Selektionsstrategie der Vergangenheit zeigte sich als Einbahnstraße in die falsche Richtung.... Die Lerngeschwindigkeit bezogen auf genetische Zusammenhänge verläuft in dem ein oder anderen Fall aber leider offensichtlich rückwärts...Wir brauchen keine selbsternannten Experten, die das erwiesener Maßen längst zerbrochene Rad in selbst verliebtem Aktionismus immer wieder neu erfinden und bereits vor Jahrzehnten erkannte Fehler in der Hundezucht werbewirksam und lauwarm aufgebrüht als "bahnbrechende Innovation" an den Zuchtlaien verkaufen! Zucht ist kein Marketinggeschäft, das dazu dient, den Mainstream der Ahnungslosen zu befriedigen! 

 

Wir brauchen vielmehr Menschen die handeln, d.h. tatsächlich nach populations-wissenschaftlichen Grundsätzen züchten  und denen der Unterschied zwischen genotypischer und phänotypischer Gesundheit auch wirklich bekannt ist! Wir brauchen Verantwortliche mit echtem züchterischem Wissen, Erfahrung und umfangreichen Genetikkenntnissen! Und wir brauchen endlich die Akzeptanz zum Outcross!   

 

 

Quellen:

 

http://www.eurasierzuechter.de/eurasier/gedanken-zur-hundezucht.html

 

https://www.tg-tierzucht.de/hzucht/publikation/zuchtstrategien.pdf

 

https://edoc.ub.uni-muenchen.de/10548/1/Rabe_Christina_Julia.pdf

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Siegfried W. (Mittwoch, 07 Oktober 2020 07:37)

    Harte aber treffende Worte. Dafür Danke!

  • #2

    Toto (Mittwoch, 07 Oktober 2020 18:02)

    In jeder Hinsicht: einverstanden!

  • #3

    Benedeite (Donnerstag, 08 Oktober 2020 15:56)

    Wie war wie war, vollkommen richtig